Im Jahr 1781 kam es zu einem grauenvollen Vorfall. Das Sklavenschiff Zong hatte 470 Sklaven von der Westküste Afrikas abgeholt, um sie nach Jamaika zu bringen. Die Sklaven wurden dich gedrängt gelagert unter unvorstellbar schlimmen hygienischen Verhältnissen. Bereits in den ersten drei Monaten der Reise starben 60 Sklaven. So viele Tode auf der Reise zu den Westindischen Inseln war tatsächlich nicht besonders außergewöhnlich. Als die Reise sich durch Navigationsfehler in die Länge zog und die Krankheiten an Bord und die Lebensmittelknappheit immer gefährlicher wurden, entschloss der Kapitän Luke Collingwood auch lebende Sklaven über Bord zu werfen. Er berechntete, dass die Versicherung ihm den Verlust seiner Fracht, nichts anderes waren diese Afrikaner in ihren Augen, erstatten würde, wenn er die Sklaven zum Schutze der übrigen umbringen ließ. Insgesamt warfen sie 122 Sklaven über Bord, darunter auch Frauen und Kinder.
Hier ließe sich nun gut auf die Grauen des Sklavenhandels eingehen. Man könnte auch weiter darüber erzählen, wie der Fall vor Gericht landete, doch wir wollen hier einen anderen Handlungsstrang verfolgen, der damit seinen Anfang nahm, dass Olaudah Equiano, ein ehemaliger Sklave, Grenville Sharp vom Massaker auf der Zong berichtete. Grenville Sharp, der sich selbst stark in Rechtsfällen für Sklaven einsetzte und so auch in diesem, schrieb darüber hinaus unzählige Briefe in denen er von dem Unrecht berichtete. Einige Geistliche, die durch Sharp vom Massaker erfuhren, verbreiteten die Nachricht auch in ihren Predigten und schließlich erreichte sie auch Peter Peckard. Peckard war gelernter Priester und hatte bereits in anonymen Pamphleten den Sklavenhandel kritisiert. Doch nun Angesicht der jüngsten Grausamkeiten entschloss Peckard, der mittlerweile zum Vizekanzler der Cambridge Universität ernannt worden war, den diesjährigen lateinischen Aufsatzwettberwerb zu einer ganz bestimmten Fragestellung zu machen: „Anne Liceat Invitos in Servitutem Dare?“ (deutsch: „Ist es rechtmäßig, jemanden gegen seine Zustimmung zu versklaven?).
Den Wettberwerb gewann der junge Thomas Clarkson. Clarkson war tiefgläubiger Christ doch mit dem Sklavenhandel hatte er bis dahin wohl wenige Berührungspunkte. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema für den Wettbewerb hatte, aber eine starke Wirkung auf Clarkson. Wie wenig andere zu seiner Zeit hatte er Einblicke in das Ausmaß des schrecklichen Sklavenhandels im britischen Weltreich gewonnen und dabei Einzelheiten kennengelernt, die ihn nicht losließen. Auf seinem Ritt nach London, wo er eine kirchliche Laufbahn einschlagen wollte, machte er schließlich Halt. In diesem Moment entschloss er sich, all seine Kräfte einzusetzen, um diesen abscheulichen Sklavenhandel abzuschaffen. Bald traf er auf die anderen Abolitionisten wie Granville Sharp und Olaudah Equiano. William Wilberforce hatte bereits begonnen sich über den Sklavenhandel zu informieren, doch dazu, dass er sich nach mehreren Jahren schließlich entschloss zum parlarmentarischen Arm der Bewegung zu werden, würde Thomas Clarksons überzeugendes Drängen einen wichtigen Beitrag leisten. Außerdem sammelte Clarkson in seinem Eifer unzählige Beweise für die Gräuel des Sklavenhandels und führte über 20.000 Befragungen mit britischen Seeleuten. Clarksons Einsatz für den Abolitionismus war insbesondere in ihrer Anfangsphase, sowie die Anträge im Parlament enorm wichtig.
Wer weiß, ob es dazu gekomnmen wäre, hätte Equiano damals Granville Sharp nicht vom Massaker auf der Zong berichtet. Wer weiß, ob Peter Peckard je vom Massaker erfahren hätte, wenn Sharp nicht die vielen Briefe geschrieben hätte. Und wer weiß, ob Thomas Clarkson zu einem der größten Mitstreiter des Abolitionsmus geworden wäre, wenn Peckard nicht daraufhin die Frage zur Sklaverei für den Aufsatzwettberwerb gewählt hätte. Ja, wer weiß, ob Wilberforce und seine Mitstreiter schließlich das Gesetz zur Abschaffung des Sklavenhandels in 1807 durchbekommen hätten. Mir zeigt diese Verkettung von vielen Einzelentscheidungen unterschiedlicher Menschen, dass wir nie unterschätzen sollten, was unsere eigene Entscheidung in dem großen Kontext bewirken kann. Bestimmt sehen wir nicht immer die Effekte unserer Entscheidungen, doch diese Geschichte zeigt: deine kleine Entscheidung, nicht wegzuhören, sondern die Nachricht weiterzuleiten und dich dafür einzusetzen, kann zu einem wichtigen Beitrag in einer großen Bewegung werden, die schließlich echte Veränderung für die Leidtragenden bewirken kann.
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