Wilberforces Bekehrung

Als Wilberforce 1784 eine Kontinentalreise machen wollte, lud er zunächst seinen Freund W. Burgh dazu ein mit ihm zu reisen. Doch dieser sagte ab und so sandte Wilberforce stattdessen eine Einladung an Isaac Milner, der ihn daraufhin auf der Reise begleitete. Log ging es dann am 10. Oktober. Er und Milner saßen in einer Kutsche, während seine Mutter, seine Schwester und zwei weitere weibliche Verwandte in der anderen Kutsche fuhren. Milner war ein sehr gebildeter Mann. Später würde er den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik übernehmen, den über einhundert Jahre zuvor Isaac Newton innehatte. Aber auch theologisch war Milner gebildet und war neben seiner Lehrtätigkeit auch Pfarrer.

Zur Zeit von William Wilberforce war die anglikanische Kirche jedoch häufig zu einer bloßen formellen Hülle geworden. Auch an den Universitäten wurden zwar noch Glaubensbekenntnisse unterschrieben, doch häufig ohne einen wirklichen Glauben dahinter. Es gab zwar eine recht große Erweckungsbewegung durch John Wesley und George Whitefield, doch in der breiten Gesellschaft wurden sie zu dieser Zeit eher verpönt. In Wilberforce hatte sich in einer kurzen Zeit, die er bei seinem Onkel und seiner Tante gelebt hatte, so ein lebendiger Glaube entwickelt. Doch als er wieder bei seiner Mutter war, versuchte sie ihn von Gottesdiensten fernzuhalten und unterband den jungen Glauben. Wilberforce hatte nicht geahnt, dass Milner „irgendwelche tieferen Prinzipien“ hatte und hätte er von Milners Glauben gewusst, so hätte er ihn wahrscheinlich nie als Begleitung zu dieser Reise eingeladen.

In der englischen Stadt Scarborough sprachen Wilberforce und Milner über den evangelikalen Pastor James Stillingfleet. Stillingfleet war wie Wilberforce und Milner in Hull gewesen und ein Freund von Isaac Milners Bruder Joseph Milner, der wiederum die Grundschule leitete, an der Wilberforce damals als Schüler und Isaac Milner als Lehrer waren. Wilberforce meinte Stillingfeet würde es „zu weit treiben“, woraufhin Milner ihm widersprach und so beschlossen sie ein andermal darüber näher ins Gespräch zu kommen. Während ihrem Besuch bei Herrn Lindsey zog Wilberforce jegliche Form ernsthaften Glaubens ins Lächerliche. Milner versuchte den Glauben zu verteidigen, bis er schließlich sagte: „Wilberforce, ich bin dir in diesem hitzigen Wortgefecht nicht gewachsen, aber wenn du diese Themen wirklich ernsthaft diskutieren willst, bin ich gerne bereit, mich mit dir darauf einzulassen.“

In Nizza erreichte Wilberforce die Bitte von seinem Freund William Pitt, doch eilends nach England zurückzukehren, um sein Gesetzesvorhaben zur Parlamentsreform zu unterstützen. Kurz vor seinem Aufbruch fiel ihm ein Buch in die Hände: „The Rise and Progress of Religion in the Soul“ von Philip Doddridge. Wilberforce fragte Milner, was er von diesem Buch hielt. „Es ist eines der besten Bücher, die je geschrieben wurden“, antwortete Milner, „lass uns das Buch mitnehmen und gemeinsam auf der Reise lesen.“ Und so lasen die beiden das Buch gründlich, während sie über die verschneiten Berge fuhren. Das gemeinsame Lesen und der Austausch über die tiefen Fragen des Lebens und des Glaubens bewirkten in Wilberforce, dass er selbst die biblischen Texte lesen wollte.

Nach den Debatten im Parlament ging es dann im Sommer wieder auf Reise. Unterwegs Richtung Schweiz begannen Wilberforce und Milner das Studium der griechischen Urtexte des Neuen Testaments. Wilberforce schreibt: „Nach und nach nahm ich seine Ansichten auf, obwohl ich beschämt gestehen muss, dass sie lange Zeit nur Meinungen blieben, denen mein Verstand zustimmte, die aber mein Herz nicht berührten. Mein Interesse daran wuchs jedoch stetig, und schließlich begann ich, ihre Bedeutung zu erkennen.“

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